Das Krumme Wasser macht seinem Namen alle Ehre

[23.03.2016] Wozu ein Bach imstande ist, wenn dieser nicht in seinem Lauf fixiert wird, zeigt sich aktuell sehr anschaulich am Krummen Wasser oberhalb von Einbeck. Nahezu das gesamte Spektrum der „klassischen“ morphologischen Strukturen eines natürlichen Fließgewässers wird dort abgedeckt.

Die Gewässermorphologie beschreibt die Gestalt eines Fließgewässers, d.h. seine einzelnen Strukturen (z.B. Uferabbrüche, Anlandungen, Kolke, …) und die dazu führenden Prozesse. Der aufmerksame Beobachter erkennt schnell, wie das Wasser dem Ufer und der Bachsohle zusetzt, sie abträgt und das mobilisierte Material weiter unterstrom wieder ablagert; wie der Bewuchs die Strömung bei Hochwasser lenkt und maßgeblich das Aussehen des Bachbettes prägt.

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Bild 1: KRUMMES Wasser. Die große Weide im Hintergrund markiert den ursprünglichen Verlauf des linken Ufers. Auch das rechte Ufer lag einmal noch deutlich weiter rechts, hinter den jetzigen jungen Weiden und Eschen. Es ist gut erkennbar, dass der Bach beginnt, in seinem Lauf zu pendeln…

Gerade jetzt im zeitigen Frühjahr, wenn die Ufer noch frei von Vegetation sind, gibt es allerhand zu entdecken, wie auf den folgenden Bildern zu sehen…

Unordnung ist wichtig!

Bild 2: Strukturelemente wie aus dem Bilderbuch. Unordnung ist wichtig!

Manch einem mag dies sehr „unordentlich“ oder ungeregelt vorkommen. Sind wir doch sehr auf einen möglichst statischen, sich nicht ändernden Zustand aus. Aber gerade diese Dynamik ist es, die dem Bach seinen Charakter verleiht. Nach jedem größeren oder kleineren Hochwasser sieht das Gewässerbett anders aus. Die regelmäßige Umlagerung und Mobilisierung von Steinen, Kies und Sand auf der Sohle (das so genannte „Geschiebe“) ist wichtig für die Qualität dieses Lückensystems als Lebensraum für allerhand Arten. Auch für die Fische, denn beispielsweise brauchen Bachforellen oder Äschen lockere, gut durchströmte Kiesbetten, um darin ihren Laich abzulegen.

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Bild 3: Aufweitung des Bachbettes (Vergleich 2005/2011). Nach einem kleinen Hochwasser ist das Ufer links teilweise abgebrochen, auf der Kiesbank im Übergang der Krümmung (zwischen den beiden großen Weiden) ist frisch abgelagertes lockeres Material zu erkennen. Sechs Jahre später ist die Kiesbank teilweise zugewachsen, das abgebrochene Ufer bereits mit jungen Weiden bestanden (natürlicher Uferschutz)…

 

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Bild 4 Seitenerosion (Vergleich 2010/2015). Durch die Weidenbüsche links im Bild wird dieser Prozess noch verstärkt. Das Wasser geht den Weg des geringsten Widerstandes. An der jungen Weide im Bild von 2015 erkennt man gut deren Widerstandsfähigkeit gegen die Strömungsbelastung bei Hochwasser: Sie legt sich einfach um und richtet sich nach Ablauf des HW wieder auf…

Ein Fließgewässer fließt niemals strikt geradeaus. Auch nicht, wenn sein Lauf begradigt und so stark befestigt ist, dass es nicht „ausbrechen“ kann. Die Strömung pendelt immer von einem Ufer zum anderen und sorgt allein dadurch schon für ein Mindestmaß an Abwechslung. Fehlen solche Uferbefestigungen nun teilweise oder gar vollständig, beginnt des Gewässer seinen Lauf zu verlagern. Je nach anstehendem Boden, der Verfügbarkeit von Geschiebe und vor allem der Intensität der Hochwasserabflüsse laufen diese Prozesse mehr oder weniger schnell ab.

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Bild 5: Prinzip der Kurvenströmung in einem natürlichen Gerinne

In einer Krümmung wirkt auf das Wasser eine Fliehkraft nach Außen ein. Verfolgt man ein Wasserteilchen auf seinem Weg durch diese Krümmung, so wird es zunächst an das so genannte Außen- oder Prallufer gedrückt, an dem sich der Wasserspiegel durch diese Fliehkraft anhebt. Dadurch entsteht ein Druckunterschied hin zum Innen- oder Gleitufer und das Bestreben dies auszugleichen. Die Bahn des Wasserteilchens wird dann zur Sohle hin gelenkt und läuft dort weiter zum Innenufer (vgl. Bild 5 und Bild 6). Dieser Effekt wird „Spiralströmung“ genannt und sorgt dafür, dass das mitgeführte Geschiebe in einer Krümmung immer zum Innenufer transportiert wird und sich dort zum Teil ablagert. Am Prallufer wird also die Sohle erodiert, liegt tiefer (Kolk) und die Körner sind eher grob, während am flachen Gleitufer sich das feinere Material ablagert.

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Bild 6: Krümmung (Vergleich 2005/2016). Zwischen diesen Aufnahmen liegen elf Jahre. Es ist trotz der leicht unterschiedlichen Perspektive gut erkennbar, wie der Bach in dieser Zeit immer weiter nach rechts „ausgebrochen“ ist…

Kein Wunder, dass sich die Fische dort eigentlich wohlfühlen 😉

Anmerkung: Im Sommer sieht das Bild leider etwas anders aus. Fortsetzung folgt.